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Kegel-Übungen 2.0 #1 – Wie CANTIENICA®-Beckenbodentraining unser sexuelles Potential öffnen kann

Der Beckenboden spielt eine Schlüsselrolle, wenn wir uns mit sexueller Heilung befassen. Kaum eine andere Muskelgruppe kann uns ähnlich effektiv und zentral in dem Wiederfinden unseres erotischen Potentials unterstützen.

Die Nachrichten, dass der Beckenboden gut ist für guten Sex, sind nicht neu. „Sexercises“, um den Beckenboden zu trainieren, sind seit Langem in der Literatur und Szene von Tantra, Taoismus und Sexualtherapie bekannt. Durch „Sex And The City“ und Artikel in Frauenzeitschriften zum Thema „Bessere Orgasmen“ hat sich isb. der Begriff „Kegel-Übungen“ verbreitet. Andere Texte bezeichnen den Beckenboden als „Lustmuskel“, „Liebesmuskel“ oder „PC-Muskel“*.

Ich selbst habe jahrelang „gekegelt“. Als eifrige tantrische Schülerin experimentierte ich damit, bewusster sexuelle Energie im Körper zirkulieren zu lassen. Ich war voll davon überzeugt, dass Kegel-Übungen das Beste waren, was mir und meinem Beckenboden passieren konnte.

Dann lernte ich das CANTIENICA®-Beckenbodentraining kennen – eine junge, mutige Methode aus der Schweiz, die meine Ansichten zum Körper im Allgemeinen und zum Beckenboden im Besonderen revolutionierte. Ich gab meine Kegel-Übungen auf, um diesen spezifischen Ansatz für den Beckenboden besser kennen- und spüren zu lernen.

Seitdem hat sich meine eigene Praxis und die Körperarbeit mit Klientinnen mehr und mehr dahin verlagert, die sexuellen und sexuell heilsamen Effekte der CANTIENICA®-Methode zu erforschen.

Das CANTIENICA®-Beckenbodentraining widmet sich dem Aspekt der sexuellen Heilung nicht explizit (auch wenn es einige Erfahrungswerte dazu gibt – HIER eine humorvolle Lesung der Methoden-Gründerin selbst) und hat ihre größte Bekanntheit bei Hebammen und Frauen, die sich im Zuge von Schwangerschaft und Rückbildung mit ihrem Beckenboden beschäftigt haben.

Die bisherige „Kegel-Szene“ wiederum – also Tantra, Taoismus, Sexualtherapie und -pädagogik – die den Beckenboden für sexuelle Veränderungen trainiert, hat bisher wenig Berührung gehabt mit dem spezifischen Vorgehen der CANTIENICA®-Methode.

In dieser Artikelserie möchte ich diese beiden „Felder der Körperarbeit“ näher zusammenbringen, weil ich überzeugt davon bin, dass jeder Mensch, der sexuelle Traumata, Ängste und Taubheiten auflösen möchte, von einem wachen und bewussten Beckenboden profitiert.

Dafür beschreibe ich im Folgenden erst einmal, was man unter herkömmlichem Beckenbodentraining, Kegel-Übungen und PC-Muskel-Training* versteht. Wer mit diesen Methoden bereits vertraut ist, kann direkt in Kegel-Übungen 2.0 #2 weiterlesen.

ACHTUNG: Der Beckenboden ist ebenso ein körperliches Thema wie ein seelisches. In dieser Artikelserie konzentriere ich mich auf die körperliche Dimension, die konkrete muskuläre Anatomie. Weitere Texte, die den Schwerpunkt auf die seelische Dimension des Beckenbodens legen, werden folgen.

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Wir beginnen an der Basis – Was ist der Beckenboden?

Wir leben in einer beckenfremden und bodenfremden Kultur, und nicht selten bezweifeln wir, überhaupt einen Beckenboden zu haben.

Um das Happy End dieser Frage vorwegzunehmen: Du hast einen Beckenboden. Versprochen.

Viele Bücher zum Thema unterscheiden den Beckenboden in eine untere/äußere und eine obere/innere Schicht. Anatomisch präziser und korrekt ist eine Unterteilung in drei übereinanderliegende Muskelschichten, die wiederum jeweils aus mehreren einzelnen Muskeln bestehen. Was bedeutet: „Der Beckenboden“ ist ein Sammelbegriff für mehrere Muskeln, die in Etagen übereinander liegen und prima zusammenarbeiten.

Dieses Muskel-Kollektiv also kann bewusst bewegt, beatmet und aus seinem kulturellen Koma wachgeküsst werden. Und dieses Anliegen ist der gemeinsame Nenner der verschiedenen Schulen für Beckenboden-Training.

(Um sich mit diesem Muskelbereich anzufreunden und um ihn auch im eigenen Körper aufzuspüren, ist hilfreich, sich mehrere gute Illustrationen im Internet und 3D-Animationen auf Youtube anzusehen. Gerade für visuell lernende Menschen kann über Bilder die Botschaft schneller in die Wahrnehmung des Körpers sickern.)

Und wozu das Ganze?

Der Beckenboden bildet eine Schale für die Organe im Becken- und Bauchraum, er ist muskulär und energetisch an allen Vorgängen beteiligt, an denen ein Becken überhaupt beteiligt ist. (Das gilt für männliche Körper ebenso wie für weibliche – unsere Anatomie in Sachen Beckenboden ist extrem ähnlich.)

Sobald wir aufrecht stehen – und das tun wir Menschen bemerkenswert viel häufiger als andere Tiere! -, hindert die elastische Kraft des Beckenbodens unsere Organe daran, aus dem Körper zu fallen. Der Beckenboden legt sich wie ein federndes Trampolin unter unsere Blase, unsere Gebärmutter, die Darmverläufe und während einer Schwangerschaft auch unter das Kind.

Bis hierhin: Halten, nach oben federn, unterstützen.

Faszinierend am Beckenboden ist jedoch sein Talent, für zwei gegensätzliche Pole gleichzeitig zuständig zu sein. Halten auf der einen Seite – und Loslassen auf der anderen. Wenn wir unsere Sexualität mit einem anderen Menschen teilen, uns anvertrauen und fallen lassen, macht unser Beckenboden nach unten auf. Und einer der größten Auftritte des Beckenbodens ist die Geburt eines Kindes.

Hier strömt die enorme Kraft dieses Muskelwunders in den anderen Pol: nach unten öffnen, öffnen, öffnen…

Im Beckenboden erfahren wir also das gesamte Spektrum zwischen Öffnen und Schließen – muskulär, körperlich, seelisch, energetisch und spirituell.

Wie können wir den Beckenboden „wiederfinden“?

Die einfachste Art und Weise, schnell aus der Unsicherheit „Hilfe, ich spüre nichts!“ rauszukommen, besteht in der klassischen Anleitung für Kegel-Übungen bzw. für das PC-Muskel-Training (hier eine frei improvisierte Kurzversion von mir):

„Setzen Sie sich auf einen Stuhl und stellen Sie sich vor, Sie würden gerade pinkeln. Nun stellen Sie sich vor, Sie würden den Urinstrahl willentlich unterbrechen. Der Muskel, den Sie dabei spüren – das ist Ihr PC-Muskel. Anspannen – Loslassen – Anspannen – Loslassen… Üben Sie täglich und wo immer es Ihnen gerade einfällt – in der Warteschlange im Supermarkt, während langweiliger Meetings, etc. Im Laufe der Zeit sollten Sie 20-40 Kontraktionen Ihres PC-Muskels problemlos durchführen können.“

Eine weitere bekannte Variante ist die Fahrstuhl-Version. Wieder in einer Improvisation von mir und zugeschnitten auf den weiblichen Körper:

„Setzen Sie sich aufrecht hin und stellen Sie sich vor, den Urinstrahl anzuhalten und dann wieder fließen zu lassen. Wenn Sie das nächste Mal anhalten, halten Sie diese Spannung und ziehen sie noch ein Stückchen höher, entlang Ihrer Vagina nach innen und oben. Dabei stellen Sie sich vor, Sie würden wie in einem Fahrstuhl in Ihrer Vagina vom EG ins 1.OG fahren. Während Sie weiteratmen, ziehen Sie die Spannung sogar noch weiter nach oben – 2.OG. Während Sie den PC-Muskel wieder loslassen, fährt der Fahrstuhl zurück ins EG. – Im Laufe der Zeit wird Ihnen die detaillierte Aktivierung Ihres PC-Muskels immer leichter fahren und Sie können nach Herzenslust zwischen den verschiedenen Stockwerken Ihres Fahrstuhls hin- und herfahren – und durch ein sanftes Nach-Unten-Drücken sogar ins UG fahren…“

Die etwas erotischeren Ansätze, um solche Auf- und Ab-Bewegungen des Beckenbodens zu fördern, bewegen „eine Aprikose in der Vagina“ nach oben und unten (das ist nur als Bild gemeint), oder schlagen vor, kleine Gewichte in der Vagina zu halten (das ist konkret gemeint – in Form von sog. „Yoni-Kugeln“ oder „taoistischen Yoni-Eiern“).

Natürlich sind den Varianten in Bezug auf Atmung, Tempo, Häufigkeit und Anzahl der „Stockwerke“ keine Grenzen gesetzt, ebenso wenig wie den Aprikosen und Bananen, den Yoni-Eiern und Vagina-Hanteln.

Was bringt dieses Training?

Die hauptsächlichen VORTEILE dieser Übungen beziehen sich bei Frauen auf gesteigerte Lust, mehr Eigenverantwortung und Vertrautheit im Umgang mit sexueller Energie und auf leichter zu erreichende und intensivere Orgasmen. Bei Männern kommt zu diesen Effekten noch die erleichterte Ejakulationskontrolle hinzu.

Die NACHTEILE von diesem Ansatz sind, dass er die beiden Schichten des Beckenbodens am meisten trainiert, die ein Training am wenigsten brauchen – nämlich die erste/untere und zweite/mittlere Schicht. In anatomisch genauen Modellen (bitte etwas scrollen) ist sichtbar, dass sich die erste und zweite Schicht des Beckenbodens deutlich von der dritten/innersten Schicht unterscheiden: Sie bedecken nur ca. die Hälfte des offenen Raumes unten im Becken, sie sind kleiner, dünner und schwächer als die innerste Schicht.

Die verschiedenen Muskelfasern, die zur ersten und zweiten Schicht zählen, stabilisieren die Beckengelenke, umschlingen in der eleganten Form einer 8 Vagina und Anus und schwellen bei Erregung an… sinnliche Ornamente an der Basis unseres Beckens – ja. Aber keine Kraftpakete.

Dieses Kraftpaket finden wir erst in der innersten Schicht des Beckenbodens. Diese muskuläre Power-Gruppe heißt „Levator Ani“ („Anusheber“), und ihre Fläche schließt das Becken tatsächlich blickdicht nach unten ab (Öffnungen für Harnröhre, Vagina und Anus sind freundlicherweise in den Muskelteppich eingelassen)

Der Levator Ani liegt nicht platt im Becken wie ein gewöhnlicher „Boden“, sondern bildet eine Schale, deren Ansätze sich innen-oben an die Wände der Beckenknochen schmiegen. Der Levator Ani ist in seiner Anatomie, der Lage und Stärke seiner Muskeln für Kraftarbeit vorgesehen.

Aller Anfang ist…

In herkömmlichem Beckenbodentraining wird zu Recht darauf hingewiesen, dass das bewusste Spüren des Levator Ani anfangs schwieriger ist als das Spüren und Aktivieren der beiden unteren Schichten. Leider wird daraus häufig die Konsequenz gezogen, sich mit dem Levator Ani weniger zu beschäftigen als mit den „leichteren Etagen“ und ihn nur selten oder nur indirekt anzupeilen. So bekommt genau die Schicht, die am ehesten auf Krafttraining reagieren kann, am wenigsten Training ab, während die beiden unteren Schichten übertrainiert werden können.

Solange wir uns von Beckenbodentraining deutliche körperliche und sexuelle Veränderungen erhoffen, brauchen wir aber die gesammelte Kraft des Levator Ani. Dessen Hauptfunktionen können von den beiden unteren Schichten nicht wirklich übernommen werden.

Nach dem schnellen Erfolgserlebnis am Anfang neigen Kegel-Übungen dazu, die Kraftverhältnisse im Becken aus ihrer natürlichen Balance verschieben – wir kompensieren mit den überaktiven beiden unteren Schichten des Beckenbodens, was der Levator Ani selbst nicht trägt.

An dieser Stelle können wir so zusammenfassen:

Der herkömmliche Schwerpunkt von Beckenbodentraining liegt im Beckenraum ziemlich weit vorne („Fahrstuhl in der Vagina“) – und es konzentriert sich auf unten bzw. außen, eben dort, wo wir das Pinkeln unterbrechen würden, im Bereich von Harnröhre, Klitoris und Vagina. Wenn wir die Spannung hochziehen, zieht sie sich primär vorne im Becken nach oben, und die Reihenfolge durch die Schichten ist:

von unten nach oben, von außen nach innen.

Hier kommt die CANTIENICA®-Methode ins Spiel: Sie arbeitet nämlich genau anders herum. Sie legt ihren Schwerpunkt auf den Beckenraum weiter hinten („Anusheber“) – und konzentriert sich auf oben bzw. innen. Sie setzt direkt bei einer Aktivierung der innersten und kräftigsten Schicht des Beckenbodens („Levator Ani“) an, und die Aktivierung der Beckenboden-Schichten überträgt sich wie ein Echo in die beiden unteren Schichten.

von oben nach unten, von innen nach außen.

Was das heißt, wie wir das machen und was das bringt… siehe Kegel-Übungen 2.0 #2.

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Der Beckenboden ist eine ziemlich „ganzheitliche Angelegenheit“. Ich freue mich, wenn du mir von eigenen Erfahrungen mit diesem Muskel-Schatz berichtest… Gerne nehme ich deine Fragen in weitere Posts zum Thema auf! Wenn du in Berlin wohnst, kannst du natürlich auch an einem Beckenboden-Intensive teilnehmen.

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*PC-Muskel – „PC-Muskel“ ist die Kurzform für „Pubococcygeus-Muskel“ und bedeutet: „Muskel, der vom Schambein zum Steißbein zieht“ (also im Becken von vorne nach hinten). Dieser PC-Muskel liegt weit innen und oben im Beckenboden, er ist ein Teil der innersten Beckenbodenschicht (um die es in der CANTIENICA®-Methode geht). In veralteten Beschreibungen wird der „PC-Muskel“ häufig als Synonym für den gesamten Beckenboden benutzt, oder er wird dem Bereich zugeordnet, der für das Unterbrechen beim Pinkeln zuständig ist. Auf Grund der vielen veralteten und irreführenden anatomischen Zuschreibungen verwende ich den Begriff „PC-Muskel-Training“ in dieser Artikelserie nicht.

Bildnachweis: Ilan Stephani

©Ilan Stephani
www.kalis-kuss.de
www.101milesofsexualhealing.com

 

Autor: Ilan Stephani

Körperforscherin und Autorin

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