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Tantramassage nach sexuellem Missbrauch? #4/Teil 2 – Wie wir achtsam mit Geborgenheit umgehen können

In #4/Teil 1 habe ich dargestellt, wie mächtig Geborgenheit auf die Dynamik eines Traumas wirken kann und wie wichtig es ist, dass wir in der Begleitung solcher Prozesse bewusst und aktiv Geborgenheit dosieren können.

Und wie dosieren wir Geborgenheit?

Indem wir uns selbst und unsere Klientin während der Massage immer wieder aktiv und bewusst „an die Oberfläche“ bringen, in unser ganz gewöhnliches Tagesbewusstsein hinein. Wir setzen nicht alles auf die Karte der Geborgenheit. Wir bieten quasi Ablenkungen an, damit sich unsere Klientin nicht in inneren Dynamiken verliert. Dazu gehört alles, was alltäglich, gewöhnlich, zugänglich – also ganz und gar untantrisch:-) – ist: reden und zuhören, als würden wir plaudern. Sich im Raum umschauen. Mitteilen, wohin unsere Gedanken gerade gewandert sind. Erlebnisse erinnern, die einfach, spielerisch und fröhlich waren. Und einen weichen, liebevollen Humor behalten.

Unser Motto, um die Geborgenheit des Raumes in passende kleine Portionen aufzuteilen, ist also: Weg von der Feinstofflichkeit, weg von der Unendlichkeit, weg von den großen Dimensionen. Keine finale Erlösung, kein heiliges Projekt, einfach nur zwei Menschen in einem Raum, die ein körperliches Experiment zusammen erleben. Das ist die Ebene, die Geborgenheit dosiert.

In der Traumatherapie wird systematische Ablenkung und Abwechslung manchmal als „Pendeln“ bezeichnet, weil die Bewegung eines Pendels dieses Prinzip so gut veranschaulicht: Wir fließen ständig und gleichmäßig von einem Pol zum anderen und wieder zurück. Wir „schwingen zwischen den Welten“, könnte man sagen, wir pendeln in die Tiefe hinein, in die Geborgenheit, vielleicht in die Tränen und Ängste, und schon trägt uns der weiche Schwung des Pendels wieder an die Oberfläche, in die Gegenwart, in das Erzählen und Orientieren.

Die Logik und Intelligenz des Pendelns zu verinnerlichen, ist eine Schlüssel-Lektion für alle, die mit Trauma verantwortlich umgehen möchten.

Unser Verstand unterstellt dem Pendeln manchmal, es sei ein „Widerstand“, eine Blockade, ein Ablenkungsmanöver – kurz: es sei feige, nutzlos und schwach. Und unsere Ungeduld zetert dazu: „Oh nein, nicht weg vom Trauma, nicht jetzt, wo ich endlich, endlich mal rangekommen bin…“

Dahinter sitzt der Sog, den ein Trauma in einem Nervensystem hinterlässt – eine Spur neurologischer Verdrehung, durch den sich Abgründe richtiger anfühlen als friedliche Landschaften.

Und darüber sitzt das Missverständnis, ein Trauma sei ein Tunnel, durch den wir linear durchmarschieren könnten. Das ist nicht der Fall. Lineare Verläufe sind Trauma-Verläufe, Irrlichter und fixe Ideen, an denen wir aus Unwissen oder Hilflosigkeit festhalten.

Heilungs-Verläufe hingegen folgen einer zyklischen, „atmenden“ Intelligenz, in der die Pole aus Aktivierung und Entspannung ebenso innig zusammenhängen wie die zwei Pole eines Pendels.

Das zweite Gesicht von Wohlbefinden

Trauma legt seine Minen nicht nur in die jeweiligen Felder des Traumas (also z.B. in die Sexualität) legt, sondern in Intensität und Lebendigkeit überhaupt.

Was bedeutet das?

Intensives Wohlbefinden kann unter Umständen dasselbe auslösen wie intensives Unwohlsein – bzw. noch mehr, denn mit intensiv negativen Zuständen kann ein traumatisiertes Nervensystem weit routinierter umgehen als mit überraschend positiven. Im Somatic Experiencing wird die Klientin u.U. systematisch davon abgehalten, sich allzu wohlzufühlen!

Bei stark traumatisierten Menschen kann grundsätzlich jeder lineare Aufbau von Energie – also auch eine Zunahme an Wohlfühlen – zu einem „Umschlagen“ und „Kippen“ führen.

Während einer Massage wenden wir das Prinzip des Pendels an, wenn wir nicht zulassen, dass sich die Massage über längere Zeit nur in eine Richtung aufbaut, sich sozusagen auf eine Form von Energie „einschießt“ und sich diese Richtung dann verselbständigt.

In Bezug auf Yonimassagen heißt das:

Für dich als Masseurin:

Wir sehen also, dass viel Geborgenheit schnell zu Nicht-Geborgenheit werden kann. Um auf der sicheren Seite zu bleiben, ist hilfreich, die Intelligenz des Pendelns zu verinnerlichen.

Wenn du viele Menschen massierst, die sich mit Tantramassagen bereits auskennen und wohlfühlen, ist dieses Pendeln eine Umstellung. Lineare Massageverläufe, die in einer Yonimassage und Orgasmen „gipfeln“, wird es in der Arbeit mit sexuellen Traumata selten geben. Stattdessen überwinden wir unsere Scheu, den gewohnten Massage-Flow zu „stören“, und schlagen immer wieder Abwechslungen und neue Richtungen vor, wenn unsere Klientin beginnt zu „schwimmen“.

Hier ist das Zauberwort, sich nicht von dem Zauber des Tantra einfangen zu lassen!

An einem Beispiel könnte das so ablaufen: Die Klientin signalisiert indirekt ihre Unruhe, indem sie sagt: „Ich weiß nicht – ich könnte irgendwie die ganze Zeit heulen, glaub ich.“

Als Masseurin könntest du jetzt antworten: „Hey, das darf hier alles dasein. Das hier ist dein Raum. Du kannst hier weinen, lachen,… du darfst hier so sein, wie du bist, jetzt gerade, in diesem Moment.“

Ich schlage stattdessen eine Antwort vor, die einen kurzen Dialog einlädt – die dadurch konkrete Erdung und Orientierung bietet, auch wenn das auf Kosten der großen Geste geht. Zum Beispiel: „Du meinst, irgendwas in dir fühlt sich so an, als würdest du gleich in Tränen ausbrechen?“ – „Ja, irgendwie schon. Ich will aber nicht heulen.“ – „Ja, ich verstehe. Wenn man im Körper weicher wird, tauchen solche Gefühle manchmal auf. Das kenne ich auch von mir. Manchmal tut es auch gut, wenn man die Tränen dann einfach fließen lassen kann. Aber für heute würde ich sagen, du machst hier genug mutige Sachen auf einmal. Lass uns einfach in ein paar Minuten nochmal schauen, wie es sich dann für dich anfühlt, ja?“

Regelmäßig nachzufragen ist ein sehr wichtiges Ritual, das Rhythmus und Halt bietet. Sprecht zu Beginn ab, dass ihr z.B. alle 10 Minuten Rücksprache haltet, wie es der Klientin geht.

Niemand von uns platzt gerne zum falschen Zeitpunkt mit einer Frage raus, die unwichtig ist. Bitte geh das Risiko ein und frag deine Klientin trotzdem. Es ist besser, einmal zuviel im unpassenden Moment nachzufragen, als einmal zuviel davon auszugehen, du würdest schon wahrnehmen, wenn etwas schiefläuft.

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Für dich als Klientin:

Wichtig ist, um die Möglichkeit zu wissen, dass große Geborgenheit unkontrollierbar Angst machen kann. Das muss natürlich nicht so kommen und es kann sein, dass du während der tantrischen Erlebnisse einfach eine tolle Zeit hast! Wenn du das „Umschlagen“, von dem ich hier schreibe, jedoch schon von dir kennst, kannst du umso besser reagieren, bevor du zu weit ins Wohlfühlen reingerutscht bist:-)

Das bedeutet auch, dass du dich davon verabschiedest, was du vielleicht an Erwartungen und Bildern aus der Tantra-Szene vermittelt bekommen hast. Trenn dich innerlich von den Gedanken, Tantra sei etwas besonders Andächtiges, Erhabenes oder Spirituelles – nimm eine ordentliche Portion Humor und Normalität mit in die Massage, um fest auf der Erde zu bleiben.

Wenn du wirklich Angst hast, abzugleiten, kündige vor der Massage an, ab und zu die Augen zu öffnen, dich umzuschauen, mitzuteilen, wie es dir gerade geht, und vielleicht auch dich hinzusetzen.

Wenn du von dir kennst, von Tränen überwältigt zu werden, sobald der Raum weich und sanft zu dir ist, dann leg dir am besten schon vor der Massage ein paar Tricks zurecht, mit denen du dich regulieren und abfangen kannst.

Einer meiner Lehrer stellte Gummibärchen auf den Altar und hatte einen ganzen Koffer voller Kuscheltiere bei sich, um uns im entscheidenden Moment aufmuntern zu können…

Du kannst dich auch an ein paar witzige Situationen erinnern, die dich zum Lachen bringen, wenn du nur an sie denkst. Und natürlich könnt ihr vorher beschließen, dass die Masseurin dich anspricht und ablenkt, wenn du zum Beispiel nicht mehr aufhören kannst zu weinen.

Hab keine Angst, durch diese Tricks etwas Wichtiges zu verpassen – das Gegenteil ist der Fall. Du machst einen großartigen Job, wenn du nach sexuellen Traumata eine Yonimassage erlebst und dabei auch noch selbst mithelfen kannst, deine Erlebnisse und Gefühle zu dosieren! Im Prinzip dreht sich vieles in der Traumaheilung ja um das Lernen, wieder gut auf sich selbst aufzupassen.

Nutze Yonimassagen grundsätzlich, um selbst das Tempo bestimmen zu lernen, in dem du dich deinem Trauma öffnest.

Es wird ohnehin keinen einmaligen Knall oder Orgasmus geben, nach dem dein Trauma „weg“ ist. Also haben wir unterwegs viel Zeit für Gummibärchen, Kuscheltiere und gute Witze:-)

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Ich bin mir im Klaren darüber, dass Körperarbeit und tantrisches Hands-On schwer in Worten zu vermitteln ist. Wer die Variationen und Hinweise aus dieser Artikelserie praktisch lernen und vertiefen möchte, ist herzlich zur Fortbildung „Tantra und Trauma“ in Berlin eingeladen, die ich gemeinsam mit meinem Partner Mari leite.

Bildnachweis: mit herzlichem Dank an Pixabay.com

©Ilan Stephani
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Autor: Ilan Stephani

Körperforscherin und Autorin

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