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Tantramassage nach sexuellem Missbrauch? #5/Teil 1 – Die Kunst, Geborgenheit zu kreieren

Wohin zuviel Geborgenheit führen kann, habe ich in #4/Teil 1 und #4/Teil 2 dargestellt. Häufiger jedoch erleben wir das Gegenteil: Eine Tantramassage fühlt sich für sexuell traumatisierte Menschen nicht geborgen genug an.

Wie können wir eine Tantramassage noch geborgener gestalten? Damit beschäftigt sich dieser Text.

Überlebende von sexuellem Missbrauch sehnen sich zutiefst nach neuen und heilsamen Erfahrungen in Bezug auf Körper und Berührung. Manchmal fühlen sie sich aber so unsicher angesichts einer Tantramassage, dass sie sich kaum überwinden können, dieses Körper-Ritual auszuprobieren.

Wir brauchen nicht viel Fantasie, um nachzuvollziehen, welches Wagnis eine Yonimassage nach sexuellem Missbrauch ist. Allein der körperlich direkte Kontakt, die liebevolle Atmosphäre, der sinnliche Fokus, … all das spricht direkt zu unserem Trauma. Und diese Dynamik wollen wir ja auch gerne nutzen, um die Prägungen durch eine traumatische Vergangenheit aus unserem erwachsenen Leben zu waschen.

Für neue, lebendige und kraftvolle Erfahrungen im Tantra brauchen wir ein stabiles Fundament aus Geborgenheit.

An welchen Stellen können wir im Verlauf einer Tantramassage (noch) mehr Geborgenheit kreieren?

Meiner Ansicht nach können wir dafür in 4 Bereichen einer Tantramassage ansetzen.

Diese 4 Bereiche sind:

I:          das Setting
II:        die Atmosphäre
III:       die Berührung
IV:       die Begegnung

Diese 4 Bereiche unterteile ich jeweils in mehrere Unterpunkte, so dass wir schließlich 18 verschiedene Aspekte haben, in denen wir eine Tantramassage gezielt an die Bedürfnisse einer Überlebenden anpassen können.

Diese 18 Aspekte sind:

ZUM SETTING:

– das Tempo
– die Position im Raum
– die Position des Körpers – Rückenlage
– die Beleuchtung

ZUR ATMOSPHÄRE:

– Vertrauen
– Nacktheit
– geschlossene Augen
– Stille – Sprachlosigkeit

ZUR BERÜHRUNG:

– Berührung überhaupt
– Berührungsqualität
– Berührungstechniken am ganzen Körper
– Genitale Berührung allgemein
– Genitale Berührungstechniken

ZUR BEGEGNUNG:

– Sprache – Worte
– Loslassen und Kontrollverlust
– Wissen und Erwartungen von außen
– Wissen und Erwartungen von innen
– „von Frau zu Frau“

Ich hoffe, dass die folgenden Ausführungen zu diesen 18 Aspekten von der empfangenden wie von der gebenden Seite einer Yonimassage genutzt werden können.

***

Bevor ich die Aspekte im Einzelnen darstelle, ein Wort noch dazu, WAS wir durch die bewusste Arbeit mit diesen Aspekten erreichen können:

Wir erreichen dadurch eine Entschärfung der „allgemeinen Trigger“. „Allgemeine Trigger“ nenne ich deshalb so, weil die Instinkte von uns allen auf bestimmte Umstände ähnlich reagieren – mit Stress oder Beruhigung. Hier können wir uns mit etwas Wissen gut in andere Menschen einfühlen, auch wenn wir ein anderes Schicksal haben.

Eine Entschärfung der „speziellen Trigger“ hingegen erreichen wir dadurch nicht. Als „spezielle Trigger“ bezeichne ich all jene Aspekte, die ein Trauma aus der Vergangenheit „wecken“ können, weil sie zu den spezifischen Umständen und individuellen Erlebnissen gehörten, die der Körper während des Traumas gespeichert hat. Das mag ein bestimmter Geruch „von damals“ sein, an den sich die Klientin durch das Massageöl erinnert, es mag die Farbe der Tapete sein oder die Musik im Hintergrund.

Die Arbeit mit den „speziellen Triggern“ gehört zwangsläufig in eine fokussierte Traumatherapie. Wenn wir unsere Klientin kennen, können wir natürlich lernen, ihre speziellen Trigger zu vermeiden, aber das kann und sollte nicht der Fokus der tantrischen Arbeit werden. Wir befassen uns hier also nur mit den „allgemeinen Triggern“.

WANN arbeiten wir mit den 18 Aspekten überhaupt?

Wenn wir erleben, dass sich unsere Klientin während der Massage nicht so sicher fühlt, wie es vielleicht möglich wäre. Und wenn wir vor der Massage besprochen haben, dass wir ggf. versuchen, das Setting anzupassen.

Ideal ist, wenn die Klientin selbst benennen kann, welche der Aspekte sie beunruhigen. Das ist aber nicht nötig. Jede Beruhigung, egal von welchem Aspekt, vernetzt sich automatisch in unserem Erleben mit den anderen Punkten und breitet sich organisch aus. Da wir hier der geballten Intelligenz unseres Nervensystems zuarbeiten, können wir sicher sein, dass Geborgenheit, die tatsächlich „ankommt“, dankbar und umfassend genutzt wird.

WIE funktioniert das?

Es funktioniert über unsere Instinkte. Ich will niemandem einen Nutzen einreden, den sie nicht selbst erlebt, aber unsere Instinkte reagieren nunmal auf bestimmte Codes (wie z.B. einen Tonfall), auch wenn wir einen entsprechenden Effekt in unserem Bewusstsein abstreiten würden.

Hier versuche ich, für die allgemeinen Trigger auch „allgemeine Lösungen“ vorzuschlagen, also solche Lösungen, die nicht von unserer Individualität abhängen, sondern direkt zu unserem gemeinsamen Erbe der Instinkte sprechen.

OK – und WORAN erkennen wir überhaupt, dass sich unsere Klientin nicht geborgen genug fühlt?

Die schlechten Nachrichten zuerst:

Wir können uns nicht darauf verlassen, dass unsere Klientin das äußern wird. Womöglich fällt ihr der eigene Stress im Körper nicht auf, weil sie so sehr an ihn gewöhnt ist. Stress durch „zu wenig Geborgenheit“ äußert sich meistens anders als Stress durch „zuviel Geborgenheit“!

Während wir bei einem „Zuviel des Guten“ mit einem unkontrollierten Überlaufen und Hervorbrechen von Traumawellen rechnen müssen, äußert sich „Zu wenig des Guten“ eher in seinem Gegenteil: einer unauffälligen und unbemerkten Dissoziation. Auf bestimmten Ebenen „friert unser Erleben ein“, wir sind „schon noch irgendwie da“, bewahren auch den Überblick und können sprechen, fühlen uns aber dennoch irgendwie unbeteiligt. Alles wird in verdächtiger Weise gleichmäßig – wir haben einen inneren Kokon um uns gelegt und wissen, dass wir in diesem Kokon zur Not alles aushalten könnten…

Ein panisches Überlaufen, wenn die Situation als zu wenig geborgen erlebt wird, ist extrem unwahrscheinlich. Dafür haben Überlebende viel zu tief verankern müssen, brutale Gefahren durch pures, stummes Aushalten zu überstehen.

Die guten Nachrichten:

Wir können hier durch Nachfragen und unser eigenes Bauchgefühl viel bewegen. Schon unser ehrliches Interesse – „Sag mal, wie war das denn bisher für dich? Ich kann mir vorstellen, dass das hier ziemlich viel Neues auf einmal für dich passiert…“ – kann den Schleier der Dissoziation auflösen und das geborgene Setting wieder erlebbar machen.

Einfacher ist es, wenn wir an der Körperhaltung, an gebremsten Bewegungen und flacher Atmung der Klientin ablesen können, dass ihr Körper sich bedroht fühlt. Vielleicht liegt unsere Klientin verkrampft da, so, als wolle sie nicht zuviel Platz auf der Liege einnehmen, oder der Tonus ihrer Muskeln ist auffällig weich, wie leer, willenlos. All das wären Hinweise darauf, dass ihre Instinkte die Situation lesen als „Nicht ganz sicher.“

Auch das „harmlose Phänomen“, ständig in Gedanken zu sein, obwohl man sich auf die Berührungen konzentrieren möchte, ist eine Form von Schutz vor dem, was der Körper spürt. Wenn deine Klientin also wiederholt sagt: „Ich bin irgendwie im Kopf.“ – und sich zusätzlich noch mit Selbstkritik unter Druck setzt – solltest du Beruhigungen des Settings vorschlagen.

„Ich bin im Kopf.“ ist ein direkter Verweis darauf, dass sich der Körper und sein Nervensystem nicht zu 100Prozent sicher fühlen. Wenn wir mit Überlebenden arbeiten, sollten wir an dieser Stelle so umfassend für Beruhigung sorgen, wie uns möglich ist.

Anstatt also den Ehrgeiz anzustacheln, weniger zu denken, sollten wir kurz durch die möglichen Punkte wandern und Veränderungen anbieten, so dass sich der Körper der Klientin (NICHT ihr Kopf!) zu anderen Erfahrungen und Möglichkeiten eingeladen fühlt.

Dann können wir einzelne der Punkte „entschärfen“ – idealerweise genau die Punkte, die auch tatsächlich zu dem Stress geführt haben. Aber jedwede Reaktion auf dieser Ebene der allgemeinen Trigger wird unserer Klientin helfen, ihr Nervensystem zu regulieren.

Mit #5/Teil 2 beginnen die Ausführungen zu den einzelnen Punkten – wie wir die gewohnten Abläufe einer Tantramassage verändern können, um den Bedürfnissen nach sexuellem Trauma zu begegnen.

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Ich bin mir im Klaren darüber, dass Körperarbeit und tantrisches Hands-On schwer in Worten zu vermitteln ist. Wer die 18 Aspekte und die folgenden Techniken lieber praktisch lernen möchte, ist herzlich zur Fortbildung „Tantra und Trauma“ in Berlin eingeladen, die ich gemeinsam mit meinem Partner Mari leite.

Bildnachweis: mit herzlichem Dank an Pixabay.com

©Ilan Stephani
www.kalis-kuss.de
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Autor: Ilan Stephani

Körperforscherin und Autorin

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